Texte

„Welches ist das stärkste Tier?“ Ein Rätsel, ein altes Kinderrätsel.

Die Antwort: Na, Klar, die Schnecke, die trägt ihr Haus auf dem Rücken.
Aber nicht nur Schnecken tragen ihr Haus mit sich herum. Jeder von uns trägt sein Haus mit sich herum, zwar nicht auf dem Rücken, sondern eher in sich. Es ist auch nicht aus festem Material, aber durchaus hartnäckig. Das Haus der Schnecke wächst mit ihr mit. Unsere Häuser auch: die von Firmen, die von Herrschern, nicht von ungefähr steht in Burghausen eine stolze Burg mit ordentlichem Wachstum auf dem Rücken des Berges, wie auf einer Schnecke drauf. Und tragen die Burghausener nicht irgendwie diese Burg mit sich herum, als prägendes Symbol der Stadt, in der sie wohnen, die neudeutsch gesprochen ein „Alleinstellungsmerkmal“ sogar der Region ist?
Ein jeder trägt sein Haus mit sich herum, das setzt sich zusammen aus vielen Bausteinen, aus anfangs kleinen, oft unmerklichen Steinchen und mit den Jahren, indem sie zunehmen, entsteht ein Gebilde, das für jeden anders aussieht. Wo wir aufgewachsen sind, wo wir unsere Jugend verbracht haben, welche Häuser uns umgeben haben, wo wir uns geborgen, wo wir uns bedroht oder auch nur unbehaglich gefühlt haben.
Um  Relikte meist moderner, oft trivialer  Bauten, aus Zeitschriften ausgeschnitten, baut in Nada Jordans Collagen ein zarter, eher spröder Bleistiftstrich die Andeutungen von Personen, oft auf dem Weg, eilig, bei einer Tätigkeit, aus einem merkwürdigen Winkel gesehen und immer sind die Architekturrelikte, die sie tragen, die sie umschließen, Teil der Person: sie haben sie in sich aufgenommen und zu einem Teil von ihnen gemacht oder sie stellen eine Herausforderung, eine Last dar, die sie mit sich herumtragen.
Und oft in kühlen Farben, in Farben, die die schöne Welt der Glätte des Glases, der transparenten, die Außenwelt spiegelnden Fassade beschwört, die Momente und Ausschnitte der Innenwelt in Teilen zeigt und bruchstückhaft preisgibt, wie ein kurz gezeigtes, kleines Geheimnis, flüchtig und rätselhaft.
Der Strich des Bleistifts ist dabei einerseits zurückhaltend, andrerseits verspielt, vollführt kalligrafische Kapriolen und Arabesken, die sich aber immer zu einer Figur, einer Person schließen.

In anderen Arbeiten  scheinen sich die Häuser zu verwandeln; sie sind Produkte einer Metamorphose, die sich aus Formspielen nährt, aus Verwandtschaften, Ähnlichkeiten, zunächst unmerklichen, dann aber immer klareren Formverwandlungen, aus denen am Ende immer das Haus steht: als symbolische Form, etwa als rote Giebelfront vor all diesen Vorstufen, die sich perspektivisch verkleinernd, in der Tiefe des Raums verlieren.
Hier sind nicht die Menschen die Träger der Handlung, sondern die Häuser selbst. Wie vor langer Zeit, als sie anfingen, auf ihren Pfählen aus dem Wasser zu waten oder sich von den Felsen zu lösen, um mit der Zeit den Ort zu wechseln, etwa um in die Ebene abzusteigen, in die Täler zu strömen, weil dort ihre Menschen mehr Nahrung fanden als in den Gebirgen und wie sie dort, sich auftürmend, wieder selbst Berge bauten, die dann einstürzten. Alle redeten durcheinander, keiner verstand mehr den anderen und sie liefen in allen Richtungen davon und erzählten später überall herum, daran sei der liebe Gott schuld gewesen.

Und dann noch diese Häuser, die sich quasi aus nichts bauen, die aus Luft entstehen und die sich, wie Geister, überall einfügen können. Wieder Linien, diesmal meist „getaped“, also mit Isolierband geklebt, bauen vor uns Häuser auf, Städte, babylonische Metropolen kommen da aus dem Nichts. Luftschlösser. Und wiegen uns in der scheinbaren Sicherheit einer vermeintlich zuverlässigen Wahrnehmung. Kleine Verdrehungen, kurze, vom schnellen Blick unbemerkte Ortswechsel des Standpunktes lassen einen Eindruck von Leichtigkeit entstehen, der solchen Siedlungsverdichtungen normalerweise nicht anhaftet. Da sie durchsichtig sind, vermengen sie sich mit dem Dahinterliegenden und bieten dem Vorübergehenden ein leichtsinniges und leichtfüßiges Spiel von wechselnden Gestalten.

Leicht und spielerisch, verschmitzt und mit einer Vorliebe zum poetischen Humor des längeren Gedankenspiels, das die Künstler, wie die Betrachter entführen kann zu Orten und zu Bildern, zu denen sie sonst nie kommen würden, öffnet Nada Jordan mit den scheinbar einfachsten, elementarsten Mitteln eine schwebende Welt des Spiels und des freien Gedankenflugs mit einem Motiv, das scheinbar alle kennen uns das uns immer umgibt und das so was von alltäglich ist. Mit Häusern.